De brevitate vitae – Gaudeamus igitur…

Verschiedenes zum „Gaudeamus

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Auszüge aus dem Buch
"Intonas – Von studentischen Texten und Weisen".

Bewegung im Osten

Illustration von Ludwig Richter in der Erstausgabe der "Alten und neuen Studentenlieder", 1844
Illustration von Ludwig Richter in der Erstausgabe der "Alten und neuen Studentenlieder", 1844

Die Entwicklung des politischen Ostens vom Verfall zum Zerfall war einer der aufregensten Vorgänge, die meine Generation beobachten konnte. So wenig die meisten von uns den Wahrheitsanspruch realsozialistischer Staatsideologien Glauben schenkten, so wenig hielten sie deren radikales Scheitern für absehbar. Eben deshalb verfolgten wir – vor allem im deutschsprachigen Kommunismus, also der ehemaligen DDR – den Umgang mit der Geschichte und der Tradition mit besonderer Spannung, aber auch mit Amüsement. Einerseits erheiterten die Bocksprünge, mit denen man historische Bewegungen und Personen etappenweise zu logischen Vorläufern der herrschenden Doktrin erklärte – man denke an Luther, Friedrich den Großen und Bismarck -, andererseits empfanden wir die Beharrlichkeit alter Traditionen als eine Art Bestätigung, einen Beweis dafür, daß sich überkommenes Kulturgut nicht durch verordnete, künstlich geschaffene Ausdrucksformen verschütten läßt. Dabei dürfen wir nicht verhehlen, daß sich dieser Beweis im freien Westen längst nicht mehr so mühelos führen ließ.

Nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch rege Diskussion und hektische Aktivitäten von Sammlern löste folglich 1986 die Auflage eines historischen Studentenliederbuches in der DDR aus. Die Sammlung umfaßt 50 Lieder, die kommentiert und auch ein klein wenig zensiert sind, aber immerhin. Einer der beiden Autoren war Prof. Dr. Günther Steiger von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der als Studentenhistoriker schon lange grenzüberschreitende Kontakte Pflegte und dessen erstes Auftreten bei einer westlichen Studentenhistoriker-Tagung schon vereinbart war, als er 1987 im Alter von 62 Jahren starb. Im Hof des alten Jenenser Collegiums erinnert eine Gedenktafel an ihm.

Wie weit Steiger dem Traditionsbewußtsein der DDR-Studenten einen Boden bereitet hat, läßt sich nach seinem Tod schwer beurteilen. Jedenfalls hat das studentische Lied in den 80er-Jahren eine erstaunliche Lebenskraft bewiesen. Schon 1983 anläßlich der Feiern zum 425. Jubiläum der Jenenser Universität entstand eine Prosa-Übersetzung des „Gaudeamus“ von den Studenten Luise und Klaus Hallof. 1984 erschien eine Schallplatte mit Studentenliedern, die den selben Titel trug, wie das genannte Liederbuch, nämlich „Gaudeamus igitur“, und 1988 folgte eine weitere Platte „Vivat Academia“. Im Jahre 1987 gab die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein Liederbuch zum 170. Jahrestag des Wartburgfestes heraus; unter den Redakteuren findet sich auch ein Exponent der beiden Schallplatten-Produktionen. Auch in diesem Büchlein stehen etliche alte Burschenlieder vom „Gaudeamus“ bis zum „Schwarzen Walfisch“, darunter auch der „Kurfürst Friedrich“ und „Die Lindenwirtin“, freilich in Gesellschaft von Ernst Thälmann, Benno Ohnesorg und Ho Tschi Minh. Bemerkenswert ist dabei noch, daß nach dem „Gaudeamus“ zwei deutsche Varianten folgen: Die bekannte von Johann Christian Günther („Brüder laßt uns lustig sein…“) aus dem Jahre 1717, und eine neue, eigens für dieses Buch vom Zentralrat der FDJ im April 1987 in Auftrag gegebene, aus der Feder von Heinz Kahlau (Jahrgang 1931). Es dürfte dies der einzige Fall sein, daß das „Gaudeaums“ als Auftragswerk nachgedichtet wurde. Tatsächlich ist es keine gereimte Übersetzung, sondern Ausdruck eines neuen Empfindens, wie immer man dieses bewerten mag. Als solches ist es Novum und Kuriosum zugleich und soll deshalb zitiert sein:

Kann man jung und traurig sein? Hoffnungslos als Jugend?
All das Leben, das wir sehen,
soll uns bleiben, nie vergehen.
Lebenslust ist Tugend.

Jung und in Bewegung sein – was nur spricht dagegen?
Auch der allerstillste Stein
reckt sich unterm Sonnenschein,
möchte sich bewegen.

Sie und er und es sind wir – die Studentenjugend.
Was und wo wir auch studier’n,
es soll uns zu Taten führ’n
als die höchste Tugend.

Plagt uns großer Wissensdurst, müssen wir ihn stillen.
Durst nach Liebe, Durst nach Wein,
stillen sich nicht von allein,
wenn sie uns erfüllen.

Nur was Herz und Kopf versteh’n, kann der Mensch begreifen.
Was des Menschen Hand gemacht,
was des Menschen Hirn erdacht,
muß als Frieden reifen.

Unser Schicksal ist der Mensch hier auf dieser Erde.
Als ein Wesen der Natur
nützen wir dem Leben nur,
daß es uns bleiben werde!

Das klingt freilich recht säkularisiert, doch ist es immerhin erstaunlich, daß sich nach fast 40 Jahren Kommunismus die singende Parteijugend gerade mit dem „Gaudeamus“ auseinandersetzt. Vielleicht aber steht das in Zusammenhang mit einem Erlebnis, das eine Delegation der FDJ einige Jahre zuvor in Moskau hatte. Dort fand 1981 ein „multinationales Seminar sozialistischer Länder zur kommunistischen Erziehung der Studenten“ statt. Zum Auftakt eines Festprogrammes in der Lomonossow-Universität sang ein sowjetischer Männerchor das „Gaudeamus igitur“, worüber das „Forum“ (Organ der FDJ; Nr. 14/1981) folgend berichtet: „…Das Publikum erhob sich von den Plätzen und sang mit. Einsetzende Hektik in der DDR-Delegation. Vermutungen wurden halblaut ausgetauscht. Wie diese mysteriöse Hymne denn einzuordnen sei. Das Lied kannten wenige, den Text niemand…“ Kaum verhohlene Ironie also bei den Berichterstattern. Nun mag die DDR allen Grund gehabt haben, das „Gaudeamus“ bei seinen Studenten in Vergessenheit geraten zu lassen. 30 Jahre zuvor nämlich, bei der 500-Jahr-Feier der Universität Greifswald 1956, hatte man schlechte Erfahrungen gemacht. Bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz, die einem Fackelzug folgte, wurde die Versammlung von einem SED-Redner aufgefordert, das „Weltstudentenlied“ („Jugend aller Nationen…“; Musik von Anatoli Nowikow, deutscher Text von Walter Dehmel; es entstand 1947 für die ersten Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Prag) anzustimmen. Nun hatten aber vorangegangene Repressalien – Verhaftungen an der medizinischen Fakultät – die Stimmung unter den Studenten angeheizt. Als ein Fanfarenzug das Lied intonierte und einige wenige zu singen begannen, wurden sie von der Mehrheit übertönt, die demonstrativ das „Gaudeaumus“ anstimmte. Der weitere Verlauf des Abends wurde von altem studentischen Liedgut begleitet.

Zehn Jahre später konnte man das „Gaudeamus“ auf Anregung eines Lesers in der „Komsomolska Prawda“, der in Moskau erscheinenden Zeitung des kommunistischen Jugendverbandes abgedruckt finden, sogar mit Noten. Der Leser nennt das Lied „Symbol der ewigen studentischen Jugend und Bruderschaft“ und bedauert seine drohende Vergessenheit. Im Westen ist jedoch kein synchrones Bedauern zu spüren. 1968 singen Wiener Studenten im Hörsaal das „Gaudeaums“, während sie sich nackt ausziehen und öffentlich ihre Notdurft verrichten.

1964 berichtet ein deutscher Professor der Princeton-University (USA), daß er eine Woche lang Gast der Universität Laibach, damals Jugoslawien, war. Beim Abschiedsessen herrschte eine gelöste Stimmung, und er entschloß sich, das „Gaudeamus“ anzustimmen, das von allen Gästen, darunter zahlreichen Professoren, mit sämtlichen Strophen durchgesungen wurden.

Ein letztes Beispiel dafür, daß der Osten die Gaudeamus-Tradition bewußter aufgenommen hat: Bei den studentischen Welt-Sportkämpfen, der „Universade“ 1961 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia wurde bei der gemeinsamen Siegerehrung keine Hymne, sondern das „Gaudeamus“ gespielt, gleichsam als weltumspannendes Gemeingut der studierenden Jugend. Diese Tradition wurde bis heute beibehalten. Spätestens damit ist das alte Studentenlied zu einer modernen ständischen Hymne geworden.

Ein unglücklicher Philosoph

Warum gerade das „Gaudeamus“ zum Inbegriff des studentischen Liedes, ja weit über studentische Kreise hinaus zum Synonym für studentisches Leben wurde, läßt sich nicht beantworten; es ist einer jener Zufälle der Geschichte, die keine rationale. Erklärung finden. So wie es heute gesungen wird, kennen wir es seit 1781: Damals erschien es noch ohne Noten in einem Liederbuch „aus den hinterlassenen Papieren eines unglücklichen Philosophen, Florido genannt, gesammelt und verbessert von C.W.K.“. Dieser Florido ist niemand anderer als C.W.K. selbst, nämlich Christian Wilhelm Kindleben (auch Kindlebn), eine wahrlich unglückliche Erscheinung des späten 18. Jahrhunderts. Er war ein Dichter von mäßigem Talent und wohl auch von schwachem Charakter. 1748 in Berlin geboren genoß er eine gute Schulbildung, besuchte das berühmte Gymnasium „Zum grauen Kloster“ in Berlin und inskribierte in Halle Theologie. Als Landprediger wirkte er in einigen brandenburgischen Gemeinden, verdingte sich auch als Privatlehrer und Hofmeister in Pommern und Mecklenburg, fühlte sich aber zur wissenschaftlichen Laufbahn berufen. 1779 promovierte er in Wittenherg zum „Doctor der Weltweisheit und der freien Künste Magister“, nachdem er für kurze Zeit als Gehilfe Basedows an dessen „Philantropinum“ in Dessau tätig gewesen war. In der Folge wandte er sich in polemischen Streitschriften gegen die Aufklärer, deren Anhänger er anfangs war, tat dies aber in so pöbelhafter Weise, daß er – ungeachtet der Wertung seiner Gedanken – auf breite Ablehnung stieß. Er schwankte zwischen Habilitation und Predigeramt, gab mehrere Zeitschriften heraus, die allesamt kurzlebig blieben, und versuchte sich schließlich auch in der Belletristik, wobei seine Romane immer um Helden am Rande der Gesellschaft kreisten. So auch sein „Florido oder Geschichte eines unglücklichen Philosophen“, der 1781 erschien und den er im Titel des folgenden Liederbüchleins nocheinmal bemühte. Beide Bände wurden vom Prorektor der Universität Halle konfisziert und der Autor aus der Stadt verwiesen. Auch seine weitere literarische Tätigkeit blieb ohne nennenswerte Bedeutung und sein Lebenswandel scheint außer jede Kontrolle geraten zu sein. So verlieren sich seine Spuren – 1785 soll er in Dresden oder Leipzig gestorben sein. Daß sein Name noch nach zwei Jahrhunderten genannt wird, mag er wohl gewünscht, kaum aber erwartet haben. Zu danken ist es dem verbotenen Liederbüchlein mit seinen Versen „Gaudeamus igitur“.

Nur aus diesem Grund ist Kindleben für uns interessant. Er hat ein damals verbreitetes Lied aufgeschrieben und bearbeitet und ihm damit eine Gestalt gegeben, die bis heute Norm geblieben ist. Kindleben selbst vermerkt zu diesem Lied, daß er sich genötigt sah, es „umzuschmelzen, weil die Poesie, wie in den meisten Liedern dieser Art, sehr schlecht war. „Ob diese Umschmelzug einer Verbesserung gleichkommt, darüber mögen Philologen diskutieren. Fest steht, daß Kindleben selbst aktiv in die Formulierung der Strophen eingegriffen und auf bestehende Vorbilder zurückgegriffen hat. Drei ältere Fassungen sind uns bekannt: Die Handschrift des Studenten Friedrich Reyher, der von 1743 bis 1748 in Kiel und Jena studierte, die „Crailsheimer Handschrift“ von 1747/48, die 300 Liedertexte umfaßt, und ein anonymes Jenenser Blatt von 1776. Letzteres hat Kindleben mit hoher Wahrscheinlichkeit gekannt. Alle drei haben eine deutsche Übersetzung in Reimen beigefügt.

Der Vergleich dieser Texte und ihre weitere Rückverfolgung macht deutlich, daß unser heutiges „Gaudeamus“ aus drei Elementen besteht: Das älteste, also die Kernstrophen, sind die Bußverse „Ubi sunt, qui ante nos“ und „Vita nostra brevis est“. Diese beiden sind im Laufe der Zeit mit der heutigen Titelstrophe verschmolzen. Die jüngste Beifügung sind die Vivat- und Pereat-Strophen, die mehr als die Hälfte der heutigen Fassung ausmachen.

Vom Bußgesang zum Jubellied

Nach heutigem Stand der Forschung ist die älteste belegte Quelle ein aus dem Jahre 1267 stammendes Bußlied. Seine sechs Strophen enden mit dem Refrain „Surge, surge, vigila, semper esto paratus!“ (Steh auf, steh auf, wache, du sollst ständig bereit sein!). Die zweite und vierte Strophe dieses Textes sind für uns von Bedeutung:

Vita brevis, brevitas in brevi finietur;
mors venit velociter et neminem veretur;
omnia mors perimit et nulli miseretur.
Surge…

(Kurz ist das Leben, seine Kürze wird bald beendet sein;
der Tod kommt schnell und fürchtet keinen;
alles vernichtet der Tod und es wird ihn um keinen leid tun.)

Ubi sunt, qui ante nos in hoc mundo fuere?
Venies ad tumulos, so eos vis videre:
Cineres et vermes sunt, carnes computruere.
Surge…

(Wo sind sie, die vor uns in dieser Welt gewesen sind?
Du wirst zu den Gräbern gelangen, wenn du sie sehen willst:
Asche und Würmer sind sie, ihr Fleisch ist verfault.)

Der Zusammenhang mit unseren Strophen ist also offenkundig, wenngleich der Text wesentlich drastischer formuliert ist. Eine schwedische Handschrift von 1582 entspricht dieser mit geringfügigen Abweichungen. Danach sind uns bis ins 18. Jahrhundert keine Niederschriften erhalten. Es ist aber anzunehmen, daß die Erhaltung des Textes durch ein halbes Jahrtausend nicht ohne schriftliche Mittel möglich war.

Das heutige „Gaudeamus“ ist kein Bußlied mehr, sondern hat die Mahnung vor der Vergänglichkeit zu einem Lob der vergänglichen Dinge umgedeutet. Dennoch ist die Aufforderung „Gaudeamus“ zuerst im Gregorianischen Choral zu finden. „Gaudeamus omnes in domino“ beginnt ein alter Meßtext, und eine weihnachtliche Sequenz endet mit „Gaudeamus, iocundemur itaque“. Erst im 16. Jahrhundert finden wir das Zitat mehr und mehr verweltlicht. Um das Jahr 1500 datiert ein Lied „De tempore vernali“ (Von der Frühlingszeit), dessen Schlußverse lauten:

Gaudeamus igitur tempore iucundo
laudemusque Dominum pectoris e fundo.

(Freuen wir uns also über diese angenehme Zeit
und laßt uns den Herrn aus voller Brust loben.)

Von Antonius Codrus Urceus, geboren 1446, Professor der schönen Wissenschaften in Forli und Bologna, wo er 1500 ermordet wurde, einem glühenden Verehrer Homers, der auch eine Homer-Gesellschaft gründete, stammt ein recht ausschweifendes Weinlied, offenbar seinen Homer-Jüngern gewidmet, mit der Überschrift „Rhytmus die divi Martini pronuntiatus“, also am Martinsfest zu singen. Es zeichnet sich durch seltsame, lautmalerische Artikulation aus:

Io, io, io, io! Gaudeamus, io, io,
dulces Homeriaci!…

Daß das „Gaudeamus“ von Bologna nach Deutschland gebracht worden sei, wird in mehreren Erzählungen behauptet, die jedoch historisch nicht faßbar sind. Fest steht aber, daß obiges, wohl aus Bologna stammendes Lied 1525 in Deutschland als Spottlied auf die Hochzeit Martin Luthers parodiert wurde:

Io, io, io, io! Gaudeamus, io, io,
dulces Lutheriaci!…

In manchen Quellen wird das komisch anmutende io, io, io durch den Vermerk „cum iubilo“ (mit Jubelton) ersetzt, womit verständlich wird, was gemeint ist: Die Andeutung von Begeisterungslauten, von den Sängern wohl einigermaßen individuell ausgedrückt. Io, das ist die Wurzel von Worten wie jubeln, juchzen, johlen, jodeln, die nichts anderes bedeuten, als io-schreien. Leider wissen wir nicht, nach welcher Melodie das Homerische Martinslied gesungen wurde.

Auch in der Literatur wird das „Gaudeamus“ mehrfach zitiert. Wir finden es im „Narrenschiff“ des Sebastian Brandt (Basel 1494), im „Gesang der vollen Brüder“ von Hans Sachs (1568), in mehreren Lustspielen Ludvig Holbergs (1684-1754), in Friedrich Nicolais Roman „Sebaldus Nothanker“ 1773-1776) und selbst in der „Jobsiade“ von Karl Arnold Kortum (1784). Auf welches Lied – oder welche Lieder all diese Zitate gemünzt sind, läßt sich nicht bestimmen. Sie belegen nur, daß Gaudeamus-Lieder durch die Jahrhunderte bekannt und beliebt waren.

Wann und wo sich die Verbindung der geistlichen Bußverse mit dem weltlichen Gaudeamus-Verständnis und den daraus folgenden Vivat-Strophen ergeben hat, bleibt also ungewiß. Erst im Jahre 1717 finden wir wieder einen Text, der in der Entwicklung des Liedes von Bedeutung ist. Er stammt von Johann Christian Günther (1695-1723), dem frühvollendeten schlesischen Lyriker. Günthers Gedicht „Brüder laßt uns lustig sein“ gilt allgemein als erste deutsche Übertragung des „Gaudeamus“; die inhaltliche und formale Übereinstimmung ist deutlich. Die ersten vier seiner sechs Strophen entsprechen den ersten drei unserer lateinischen Fassung – Günther widmet den Toten gleich zwei Strophen. Die beiden letzten Strophen sind reine Trinkpoesie; ein Anklang an „Vivant omnes virgines“ in der Schlußstrophe wäre schon zuviel interpretiert. Die Auffassung. daß das heutige „Gaudeamus“ eine lateinische Rückdichtung von Günthers Lied sei, ist zwar unglaubhaft, jedoch hat sich Kindleben bei seiner sogenannten Umschmelzung offensichtlich von Güntbers Versen leiten lassen, womit sich eine reizvolle Wechselbeziehung der beiden Lieder ergibt.

Copyright © 1992 Raimund Lang